Geschichte eines Kindes
Seit Tagen schneite es ohne Unterlass. Der Schnee fiel unermüdlich, unerbittlich, überdeckte das von Menschenhand Erbaute, löschte es aus. Die breiten Straßen waren verlassen, die sporadische Anwesenheit von Leben schien unbeabsichtigt, einmal nur brummte ein Schneepflug an mir vorbei.
Ich war zu Fuß unterwegs; ich hatte mich nicht dazu durchringen können, ein Auto zu mieten. Da sämtliche Markierungen von einem dichten Weiß geschluckt worden waren, konnte ich es mir aussuchen, wo ich mich bewegen wollte, ob auf der Fahrbahn oder auf dem Gehsteig; ich setzte meine Fußspuren stets auf unberührte Flächen. Neben den vom Himmel schwebenden, gleitenden und rieselnden Flocken waren mein Stapfen und Atmen die einzig vernehmbaren Geräusche, keine Menschen, keine Tiere, keine Autos, nicht einmal der Wind regte sich. Mir kamen die Worte Bachelards in den Sinn: Von allen Jahreszeiten ist der Winter die älteste. Ich wandelte sie ab in: Von allen Jahreszeiten ist der Winter die jüngste. Sie bringt Kindheit in die Erinnerung, setzt alles auf Anfang.
Ich brauchte lange, um J. Truttmans Haus zu finden. Unter den zweistöckigen Betonbauten mit flachen Dächern und großer Einfahrt, denen die Holzhäuser, Farmhäuser, in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts hatten weichen müssen – man hatte die family homes eigens für die aus dem Krieg heimgekehrten Veteranen gebaut –, stach es zwar heraus mit seiner hellblau getünchten Holzverkleidung, dem Wintergarten, der einst eine Veranda gewesen war, und dem Mansardenzimmer, das auf dem Dach thronte wie eine Krone. Die Hausnummer aber versteckte sich hinter einem Ahorn, weshalb ich die Woodlawn Avenue mehrere Male auf und ab schreiten musste, um sicherzugehen, dass ich
den Pfad, der zum Haus führte, auch mit gutem Grund betrat. Ich fühlte mich beobachtet, glaubte, obwohl ich niemanden dabei ertappte, überwacht zu werden; zudem war das Grundstück der Truttmans das einzige, das umfriedet war, ein Jägerzaun und ein Schild zeigten dessen Grenzen an: No Trespassing.
Ich hatte mich verspätet. Als ich an der Tür klingelte, verfluchte ich den Schnee, jegliche winterliche Romantik war verflogen. Ich dachte, Sie kommen nicht mehr, sagte J. Truttman statt einer Begrüßung und mir die Hand rei- chend: I’m Joan; ihr you fühlte sich an wie ein Sie. Ich auch, brummte ich und stellte mich mit Franziska vor.
Can I call you Fran? Sie sah mich fragend an. Ich nickte und spähte an ihr vorbei ins Wohnzimmer, wo es nach Butter, Vanille und Zimt duftete. Sie sind also die Autorin aus Österreich, sagte Joan. Wieder nickte, noch immer spähte ich. Sie grinste.
Dann kommen Sie mal rein.
(Aus: Geschichte eines Kindes, Suhrkamp Verlag, 2022)