Die große Heimkehr
Sie ließ mich bei dem Pfarrer zurück, der mich meinen deutschen Eltern vorstellte. Es war dieser Satz, der mich zur Kündigung meiner Arbeit und meiner Wohnung veranlasste; der mich in ein Flugzeug steigen ließ und mich in ein Land brachte, in dem ich bloß eine Menschenseele kannte. Ich vergaß, leichte Kleidung mitzunehmen, so war ich stets auf der Suche nach Klimaanlagen, offenen Fenstern und Türen. Die ersten Tage nach der Ankunft verschlief ich, mich verwirrte der Zeitunterschied, ich glaubte, es sei abends, wenn es morgens war, das Licht irritierte mich zusätzlich, es verhielt sich anders, als ich es gewohnt war: wie das helle Licht des Frühlings im Spätsommer.
Gleich nach meiner Ankunft in Seoul unternahm ich einen Versuch, Jung-Maria zu finden. Ihr Name, Yŏnghee Jang, machte es mir unmöglich, zu normal ist er, zu gewöhnlich, zu viele tragen denselben Namen. Schließlich brach ich zum Ordenshaus der Maryknoll-Brüder auf, im Rucksack einen Stadtplan und ein Wörterbuch, in der Hoffnung, eine Arbeit zu bekommen, mit der ich mich fürs Erste über Wasser halten konnte.
Blue moon, sang Billie Holiday; tatsächlich befanden wir uns auf einem blauen Mond, zwischen uns eine Stehlampe, deren Schein die niedrigen Tische und Kissen, die über dem Holzboden verstreut waren, sowie den gläsernen Aschenbecher mit einem bläulichen Schimmer überzog, sogar den Qualm blau einfärbte, der der Zigarette entwich – und Yunhos Profil, das ich in Ruhe studieren konnte, da er stets meinem Blick auswich. Mit der Zeit meinte ich, keinen Menschen vor mir zu haben, sondern eine Fotografie, ein Bild aus Licht und Schatten, in dem eine Stimme lebte, und etwas Rauch; es passte in diese Welt, in der ich die Tage durchträumte und die Nächte durchwachte.
»Hanna«, sagte er, und aus seinem Mund klang es wie hana, eins auf Koreanisch, und in meinem Kopf zählte ich weiter, dul, zwei, ßeht, drei, neht, vier, »werden Sie nach Ihren Eltern suchen?«
(Aus: Die große Heimkehr, Suhrkamp Verlag, 2017)